Erkenntnisse und Schlussfolgerungen
Amtsblattartikel von Tom Wolter am 26. März 2008
Im selben Zeitraum sank die Einwohnerzahl von über 300 000 auf aktuell 232 000. Jährlich verlieren wir weitere 1 000 bis 2 000 Einwohner, wodurch wir uns perspektivisch auf eine Stadt mit 200 000 Einwohnern zubewegen. Die historische ökonomische Basis der Stadt brach mit dem alten System weg. Neue Strukturen entstanden. Der regionale wirtschaftliche Output reicht jedoch nicht aus, um das städtische Leben im gewohnten Umfang zu finanzieren. Halle ist auf Transferzahlungen angewiesen. Zusätzlich wurden Kredite aufgenommen, aus Haushaltsüberschüssen wurden Haushaltsdefizite.
In dieser Situation setzen wir Kommunalpolitiker nach wie vor viel Zeit und Energie für überschaubare kleinere und größere Projekte ein, ohne uns aber darüber im Klaren zu sein, welche Folgen es für eine Stadt hat, wenn von drei Einwohnern nur noch zwei da sein werden, wenn die städtische Einnahmensituation sich künftig kaum entspannen wird und es Stadtteile gibt, in denen immer mehr Bürger räumlich konzentriert leben, die von der Arbeitswelt und den Lebenszielen der Mehrheit abgekoppelt sind.
Überprüfen wir die aktuell geführten Diskussionen, wie zum Stadion oder zu einem alternativen Saaleübergang, müssen wir feststellen, dass sie unseren eigentlichen Problemen nicht begegnen, diese oft nicht mal reflektieren. Um befriedigende und finanziell nachhaltige Antworten auf diese Fragen zu finden, müssen wir uns zuvor grundsätzlicheren Themen widmen.
Was für eine Stadt wollen wir sein? Wovon will unsere kleinere Stadtgesellschaft perspektivisch leben? Wie entschärfen wir die zunehmende soziale Entmischung der Stadtteile? Daraus schlussfolgernd müssen wir dann entscheiden, wofür wir unsere begrenzten finanziellen Mittel einsetzen - nämlich dort, wo wir die höchste Zukunftsrendite für unsere Stadt sehen. Wir brauchen einen Konsens über Ziele und Wege. Schaffen wir es nicht, bei den genannten Hauptproblemen Fortschritte zu machen, dann werden wir uns auch in Zukunft - unter wahrscheinlich noch schwierigeren Rahmen- und Ausgangsbedingungen - mit diesen auseinandersetzen müssen. Die Flucht in die Beschäftigung mit anderen überschaubareren Dingen wird dann noch grotesker wirken.